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Gastbeitrag: Beziehung statt Erziehung

Nach langen Überlegungen war ich (PSYCH-ane) überzeugt, dass eine normale Schulstruktur für meinen doch eher agilen Sohn das Beste wäre, obwohl meine ursprüngliche Vorliebe eher den alternativen Konzepten, konkret der Waldorfpädagogik galt. Ich dachte, das passt nur für spezielle Kinder, aber mittlerweile denke ich, dass aus jedem Kind das Beste mit Hilfe dieser Pädagogik hervorgeholt werden kann, weil das Individuum so geschützt und gefördert wird, wie es individuell notwendig ist. Ich war und bin mir sehr sicher, dass es für mich die beste Möglichkeit gewesen wäre, meine Stärken und Talente, ganz allgemein mein Selbstbewusstsein schon damals erkennen zu können, nicht erst jetzt, nach einem Jahrzehnt der quälenden Suche. Mir wurden im Laufe der Schulzeit immer wieder meine Schwächen aufgezeigt, nicht aber meine Fähigkeiten. Natürlich ist aus mir „was geworden“, aber was hätte aus mir werden können, wenn ich vor allem die Aufmerksamkeit und das Interesse für meine Person und meine Fähigkeiten bekommen hätte bzw. wenn ich die hätte sein dürfen, die ich immer war?! Ich musste mich verstellen – zwei Jahrzehnte lang, um endlich zur Erkenntnis zu kommen, dass ich, so wie ich bin, genau richtig bin und extrem viel positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten kann, auch wenn meine Fähigkeiten nicht den Anforderungen der schulischen Lehrpläne entsprechen.
Aus der Lerntherapie ist bekannt, dass gerade bei so aufgedrehten Kindern die Aufmerksamkeit fehlt – ADHS. Um diese Verhaltensauffälligkeit zu regulieren sind allerdings keine Medikamente notwendig, die stilllegen, sondern kompetente Pädagogen, Lehrer und Mitmenschen, die dem Kind die nötigen Reize und den angemessenen Schutz bieten, den sie brauchen, um ihre Persönlichkeit selbst entwickeln zu dürfen. Das Spiel mit dem Kind dient als Mittel zum Zweck. Man versucht über das Spiel an die eigentliche Persönlichkeit des Kindes mit all seinen Bedürfnissen, Stärken, Ängsten und Schwächen heranzukommen und es ihm selbst bewusst zu machen. Eine qualitativ hochwertige Stunde Beschäftigung ersetzt den ganzen Tag nervenaufreibendes Verhalten. Umso mehr man an sie herankommt und ihnen die Aufmerksamkeit schenkt, ja vielleicht ihre Fähigkeiten herauskitzelt, desto satter werden sie und entdecken die Welt voller Neugier und Motivation. Das sind die Grundeigenschaften jedes Kindes. Sie wollen lernen und entdecken. Alle Kinder, die keine Lust mehr haben, sich weiterzuentwickeln, sind Produkte unserer bremsenden und fremdbestimmten Erziehung/Pädagogik/Führung. Kinder sollen funktionieren, sich anpassen. Sie dürfen nicht sein, wie sie sind. Deshalb bekommen sie Medikamente, die ihr Selbst verändern. Was früher mit Prügel erreicht wurde, passiert heute mit „Ritalin“. Lasst die Kinder so, wie sie sind. Natürlich brauchen manche mehr Aufmerksamkeit. Aber da sollte sich etwas an dem Schulsystem ändern – an den Pädagogen und auch bei der Einstellung der Eltern. Es gibt genug Lehrer und Kindergärtner, die sehr kompetent sind, nicht nur fachlich, sondern vor allem sozial und methodisch. Sie wollen den Kindern etwas beibringen und gehen individuell empathisch auf sie ein. Und diese motivierten Lehrer werden durch das Bildungssystem, dem Lehrplandruck, gebremst – demotiviert. Sie resignieren und fangen an, Dienst nach Vorschrift zu machen.
Der Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Hüther erzählt in einem Interview von den Unterrichtsfächern „Verantwortung“ und „Herausforderung“ einer evangelischen Gesamtschule in Berlin. Da gehen die Kinder u. a. in Altersheime und lernen, für Jemanden da zu sein, etwas weiterzugeben. Als Herausforderung nutzen die Kinder eine Woche Unterricht, um im Wald allein zu überleben. Das sind konsequente Lernmodelle für das Leben. Da reicht eine Projektwoche im Jahr, wie ich es aus meiner Schulzeit kenne nicht aus. Studien haben ergeben, dass das Hirn am allerbesten über alle Sinne lernt. Prof. Hüther spricht auch davon, dass soziale Ausgrenzung und Beziehungsstörungen dieselben Hirnbereiche ansprechen wie körperliche Schmerzen. Die Aufmerksamkeit sollte sich also viel mehr auf den sozialen Bereich konzentrieren, als auf selbstvertrauendschwächende Bewertungen.
In meinem eigenen Leben vollziehe ich gerade grundsätzliche Veränderungen in Hinblick auf berufliche Tätigkeiten – ich habe endlich zu mir selbst gefunden und mache das, was mir Spaß macht. Vorher war ich eine „Maschine“, so wie es der Hirnforscher ausspricht. Das Schulsystem des 20. Jahrhunderts war darauf ausgelegt, aus Menschen Maschinen zu machen. Die Menschen haben zu Genüge bewiesen, dass Einzelkämpfer dazu im Stande sind, erfolgreich einen Beitrag für die Entwicklung der Gesellschaft leisten zu können. Aber die Leistungsgesellschaft, in der jeder besser und erfolgreicher sein will, als der andere, kann so weiter keinen Bestand mehr haben. Wir rotten uns mit diesem Leistungsdruck selbst aus. Unsere Körper sind für diesen seelischen Stress nicht ausgelegt. Kreativität und gute Einfälle kommen erst bei Langerweile, nicht unter Dauerstrom, wo der Körper nur noch funktioniert. Schon jetzt, Anfang des 21. Jahrhunderts ist unsere Gesellschaft von Unmengen körperlicher sowie seelischer Krankheiten befallen. Die wenigen Leistungsträger, die für den relativ hohen Standard unserer Gesellschaft sorgen, werden dem Druck nicht mehr lange stand halten. BurnOut, Schmerzen, Krebs, Magengeschwüre. Es ist Zeit zum Umdenken.
Prof. Dr. Dr. Hüther berichtet in einem Interview von einem Gespräch mit BASF, in dem deutlich wurde, dass ein Chemiker allein nicht mehr ausreicht, um neue Produkte zu entwickeln. Es braucht ein kompetentes Team mehrerer Spezialisten mit unterschiedlichsten Begabungen/Talenten, um die Gesellschaft letztlich weiterzubringen. Dabei kommt es zukünftig auf Gemeinschaftsprojekte an, in denen jeder seine Stärken hineinbringen kann und muss, um zu einem gemeinsamen Ziel zu gelangen. Und dieses gemeinsame Ergebnis bringt ungeheuren Zusammenhalt mit sich. Das Gefühl, gebraucht und wichtig zu sein, ist genau das, was Kinder brauchen. Und genau dafür steht auch Waldorf. Wir können beeinflussen, ob unsere Nachfahren glücklich und entspannt sind, in dem wir unsere Kinder frühzeitig ihre Stärken und Begabungen selbst entdecken lassen. In jedem Menschen stecken Talente. Wir müssen ihn nur lassen – so wie er ist – lediglich Schutz bieten. Natürlich hat auch jeder Schwächen. Aber im Rahmen solcher Projekte erfährt das Kind auch, dass es sich gewisse Dinge noch aneignen muss, um dem gemeinsamen Ziel näher zu kommen, sonst erfährt es Ausgrenzung. Die Disziplin kommt sozusagen von allein, da kein Kind ausgegrenzt werden möchte.
Voraussetzung dafür ist auch, dass sich Kinder angenommen fühlen. Von ihren Eltern und ihrer sozialen Umgebung. Bedingungslose Liebe und Wertschätzung. Aber das, was ich kennengelernt habe, war Leistungsdruck und Missachtung, wenn ich nicht das gemacht habe, was von mir verlangt wurde oder ich mich nicht so verhalten habe, „wie es sich gehört“. Den Satz „Das macht MAN nicht“ habe ich viel zu oft gehört, dass er sich in meinem Kopf so sehr manifestiert hat und ich ihn selbst unbewusst viel zu lange benutzt habe. Und das ist genau die Einstellung, die mein Vater jetzt noch lebt. Die Verallgemeinerung seiner Bedürfnisse, Werte, Einstellungen, Erwartungen an die ganze Umwelt. Und wer nicht so denkt wie er, stimmt nicht. Erst bestimmte Lebensumstände haben mich dazu gebracht, mein gesamtes von außen eingetrichtertes Denken zu ändern und endlich aus dem Käfig fremder Bestimmungen zu entfliehen. Nur gelingt das nicht jedem. Was könnte also aus so vielen Menschen werden, wenn sie mal so gelassen werden, wie sie sind?!
Hüther bringt eine eigene Definition von „Identität“ hervor. Er sagt, Identität ist nicht „Wer bin ich“, sondern wie kann ich mit meinen selbst erlernten Fähigkeiten etwas Positives für die Gemeinschaft einbringen. Die alten Systeme haben ausgedient. Die Zukunft muss neu gestaltet werden. Keiner weiß genau, wohin es geht. Kinder wollen lernen, sie wollen sich mit den Dingen auseinandersetzen und etwas erschaffen. Wenn einem Kind etwas bestimmtes Spaß macht, dann tut es alles, um seine Fähigkeiten diesbezüglich weiter auszubauen. Und so entstehen unglaubliche, neue, innovative Dinge. Ein gutes Beispiel ist auch das Laufenlernen oder das Fahrradfahren lernen. Innerhalb kürzester Zeit schafft es das Gehirn, motorische Höchstleistungen zu vollbringen. Von ganz allein. Genauso passiert das bei der Sprachentwicklung. Ein Kind, dass zweisprachig aufwächst erlernt innerhalb eines Jahres zwei Sprachen praktisch von ganz allein. Es zeigt, wozu unser Gehirn fähig ist, wenn wir es lassen. Wir nehmen unseren Kindern auch oftmals zu viel ab. Sie müssen ihre Aufgaben und Konflikte selbst lösen. Und dazu braucht es Anreize und Freiraum. Prof. Hüther geht soweit, dass er sagt, ein Familien- und Schulsystem reicht nicht aus, um dem Kind das zu bieten, was es braucht. Dazu ist eine ganze Kommune notwendig. Und schon ein afrikanisches Sprichtwort lautet:

„Zur Erziehung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf“.

Erziehung heißt nicht, dem Kind etwas aufzudrängeln, es in die richtigen Bahnen lenken – also weniger aktives Zutun, als vielmehr passiver Schutz vor schadenden Dingen zu bieten. Schaden bringt zu viel Druck, Angst oder der Verlust von Grundbedürfnissen, wie Nahrung, Kleidung, Wärme, Atmung, Wohnraum und Bewegung. Jedes Kind ist wie es ist und es entwickelt sich nach seinem Bedürfnis in der Zeit, die es dazu braucht.

„Grenzen setzen“ ist natürlich notwendig, allein um sie vor dem Verlust ihrer Grundbedürfnisse zu schützen. Und um sich selbst zu schützen. Das kann auf alle Lebensbereiche bezogen werden, die etwas von einem fordern. „Grenzen setzen“ widerspricht im Übrigen nicht der Waldorfpädagogik. Es ist eine individuelle Methode, wie ein Kind die Umwelt und das Leben kennenlernt – selbstständig und kreativ, ohne Druck und Angst. Die Waldorflehrerin Minna Marx berichtete in einem Interview 2010, dass es „Erziehungsschäden“ gibt, die aus unterlassener Hilfestellung entstehen. Viele Eltern haben Angst davor, Grenzen zu setzen. Sie muten den Kindern keinen Verzicht mehr zu. Es gibt Kinder, die sich nicht zurückhalten können. Alles purzelt aus ihnen heraus. Die Kinder haben keine Wahrnehmung davon, wann der Lehrer oder ein anderes Kind spricht. Oft auch nicht davon, ob sie selbst sprechen oder nicht. Das Still und Ruhigsein, das üben wir zum Beispiel in kleinen Gruppen, die ich aus dem Unterricht herausnehme.“ Sie sagt weiter: „Diese angeborene Fähigkeit zu tiefer Empathie ist ja auch etwas sehr Schönes. Mit dieser Empfindsamkeit umzugehen, heißt, Prozesse zu entschleunigen, heißt, die große Wahrnehmungsfähigkeit immer zielgerichteter und konzentrierter an eine Sache binden zu lernen. Dazu gehört auch, Grenzen zu setzen, Schutzhüllen zu bilden, gut Maß zu halten mit allem, was man den Kindern in der Anfangszeit zumutet.“

Unser Buchtipp: Richard David Precht „Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern.“

Von | 2017-02-09T20:57:38+00:00 August 22nd, 2015|Blog, Familie, Psyche|

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PSYCH-ane schreibt für ihr Leben gerne. Sie verarbeitet Lebensumstände, Erfahrungen und Gedanken. Für die Gesunde Psyche schreibt sie über Emotionen, Erziehung, Selbstbestimmung und vieles mehr..... Lesen und genießen!