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Gastbeitrag: Selbstbestimmt leben – Wege zum ICH

Der Weg zum selbstbestimmten Ich ist für jeden möglich. Jorge Bucay beschreibt den Prozess in seinem Werk „Selbstbestimmt leben – Wege zum Ich“ wie folgt:

1. Abhängigkeiten in unterschiedlichster Form
2. Die Ursprünge unserer Abhängigkeiten
3. Selbstabhängigkeit als Lösung
4. Selbstliebe als Voraussetzung
5. Ressourcen und Abgrenzung nach außen als Rüstzeug
6. Die Entscheidung als Eroberung der Autonomie

Schon im ersten Kapitel wird deutlich, mit welchen Formen der Abhängigkeit wir uns in der Regel herumschlagen und keinen Ausweg sehen.

Es gibt die stinknormale Abhängigkeit, in der alle Kinder leben und auch wir Erwachsene oft noch nicht entkommen sind. Abhängigkeit ist geprägt von Fremdbestimmung. Es geht weiter mit Co-Abhängigkeit, was eine Art Sucht nach einem bestimmten Typ von Mensch ist, die einen wiederrum zu irrationalen Verhalten veranlasst, um an die „Droge Mensch“ heranzukommen. In dieser Form der Abhängigkeit entwickeln sich nach Erika J. Chopich, welche ein grandioses Arbeitsbuch zur Heilung des Inneren Kindes schrieb, entweder ein narzisstischer, nehmender, fordernder, kontrollierender oder ein empathischer, umsorgender, nachgiebiger, unterwürfiger Typ, die beide auf ihre Art manipulieren (Täter und Opfer sozusagen), beide süchtig sind und im Grunde leiden. Dann entwickelten Psychologen den Begriff der wechselseitigen Abhängigkeit. Interdependenz – du bist auf mich angewiesen und ich auf dich. Klassisches Rollenverhalten, mit dem sich viele zufrieden geben. Natürlich gibt es noch die Unabhängigkeit, welche gut funktioniert und gelebt werden kann, wenn man gut mit sich allein sein kann. Nur gibt es das nicht. Es ist eine Illusion. Wir alle haben soziale Bedürfnisse und brauchen in gewisser Art und Weise andere, um tatsächlich erfüllt zu sein, ja sogar um überleben zu können. Unabhängigkeit ist also nicht erstrebenswert.

Im zweiten Teil beschriebt er die Entwicklung, die ein Kind von absoluter Abhängigkeit hin zur Abnabelung. Er beschreibt sehr deutlich den Konflikt, mit dem Eltern konfrontiert werden, wenn sie zeitgleich Gefängniswärter und Befreier für die Kinder sein sollen. Am Anfang sind Kinder mit Eltern untrennbar verbunden, doch ist es mit wachsendem Alter unbedingt notwendig, den Kindern ihre Abnabelung und ihre Selbstständigkeit zu gewährleisten bzw. zu fördern. So kann man in den verschiedenen Zeitepochen beobachten, dass wir es mittlerweile zulassen, dass Kinder aufbegehren dürfen. Das spannende dabei ist, dass wir meistens denken, wir wüssten, was das Beste für das Kind ist, allerdings werden die Kinder, die wir zur Welt bringen, mit Problemen konfrontiert, von denen wir keine Ahnung haben werden, weil wir sie nie hatten. Dieses Aufbegehren ist sozusagen der Grund für unseren gesellschaftlichen Wandel, allerdings auch eine prima Möglichkeit, sich von uns zu lösen. Spätestens in der Pubertät ist es für die Kinder an der Zeit für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und selbstbestimmt zu leben. Tun sie das nicht, weil sie sich nicht vom Rockzipfel lösen wollen, ist es Verantwortung der Eltern, die Türe zur Welt zu öffnen und den lieben Kleinen einen zärtlichen Tritt in den Hintern zu geben. Und wenn diese Heranwachsenden immer wieder Vaters Hilfe für sich beanspruchen, wird es Zeit die Grenzen dieser Ansprüche zu erkennen und durchzusetzen.

Dieser Prozess der Selbstabhängigkeit wird im dritten Kapitel deutlich. Ich spüre ein bestimmtes Bedürfnis, was nur im Zusammenhang mit einem anderen Menschen erfüllt werden kann. Statt heulen oder manipulieren weiß ich, dass ich eine gewisse Verführungsfähigkeiten in mir trage, die es mir möglich machen, mein Bedürfnis mit oder durch Jemanden zu befriedigen, auch wenn derjenige keine Muße oder Zeit hat, auf mich einzugehen, den ich ursprünglich wollte. „Es geht darum, die Verantwortung für mich selbst zu übernehmen, Sorge für mich zu tragen, Herr über mein eigenes Leben zu werden.“ Ich höre auf, mich Jemanden an den Hals zu werfen, auch wenn ich irgendwann seine Hilfe brauche. Allerdings habe ich die Macht darüber, wann ich wen dazu heranziehe. Beispielsweise braucht jeder Anerkennung. Und nur weil ich die Anerkennung von einer bestimmten Person nicht bekomme, heißt das nicht, dass mein Verhalten oder mein Bedürfnis falsch ist. Jemand anderes würde es vermutlich gut finden. „Um selbstabhängig zu sein, muss ich mich als Mittelpunkt all dessen begreifen, was mir passiert.“

Erwachsenwerden heißt, das Zusammenspiel aus meinem Temperament und realen Gegebenheiten zu erkennen, so dass aus mir ein Individuum wird. Eine Individualität hat sich herausgebildet, wenn ich verstehe, dass sich mein „ich“ von dem „ich“ bzw. der Umgebung abgrenzt. Der eine sitzt im Flugzeug gern am Fenster, der andere am Gang.
Nun braucht es allerdings noch die Entwicklung zur Persönlichkeit, um tatsächlich selbstabhängig zu werden, damit man sich nicht von der bösen Außenwelt im Stich gelassen oder gebeutelt fühlt. Selbstabhängige Menschen sind nicht mehr manipulierbar. Selbstabhängige Menschen machen ihre Bedürfnisse und ihren Standpunkt klar, auch wenn dies auf Widerstände im Außen trifft: „Das kannst du doch nicht machen!“ Natürlich. Es liegt an jedem selbst, sich vor anderen zu schützen.
Dabei geht es darum, seinen erwachsenen Anteil zu aktivieren, um den kindlichen den Weg zu zeigen. Wenn man nicht länger dem Club derjeniger angehören will, die anderen gehorchen bzw. die so sein wollen, wie andere sie haben möchten, darf sich folgende Punkte von Viginia Satir zu Herzen nehmen, die Voraussetzung für die Herausbildung einer Persönlichkeit und damit der Weg zur inneren Freiheit sind:

1. Ich gesteht mir selbst das Recht zu, der zu sein, der ich bin, statt darauf zu warten, dass ein anderer darüber bestimmt, wer oder wie ich zu sein habe.
2. Ich gestehe mir selbst das Recht zu, zu empfinden, was ich empfinde, statt zu empfinden, was andere an meiner Stelle empfinden würden.
3. Ich gestehe mir selbst das Recht zu, zu denken, was ich denke, und auch das Recht, meine Meinung zu äußern, wenn ich das möchte, oder sie für mich zu behalten, wenn ich es für richtig halte.
4. Ich gestehe mir selbst das Recht zu, die Risiken einzugehen, die ich eingehen möchte, unter der einzigen Bedingung, dass ich bereit bin, den Preis dafür zu zahlen.
5. Ich gestehe mir selbst das Recht zu, nach dem zu suchen, was ich im Leben zu brauchen glaube, statt abzuwarten, dass ein anderer mir die Erlaubnis gibt, es zu bekommen.

„Selbstabhängig zu sein bedeutet authentisch zu sein. (…) Um dir zu helfen, dich um etwas zu bitten, dir etwas bieten zu können. Um dir geben zu können, was ich dir zu geben habe, und um annehmen zu können, was du mir zu geben hast, muss ich zunächst an diesen Punkt der Selbstabhängigkeit gelangen.“

Wie werde ich selbstabhängig? Die wichtigste und grundlegendste Voraussetzung ist SELBSTLIEBE, welche auch mit einem gesunden Egoismus verglichen werden kann. Leider wird der Begriff des Egoismus mit selbstsüchtigem, grausamen, berechnendem oder niederträchtigem Verhalten in Verbindung gebracht und hat deshalb einen schlechten Ruf. Dabei geht es bei der Selbstliebe darum, dass ich sehr wohl teilen kann und anderen helfen möchte bzw. Liebe geben möchte, allerdings nicht für den anderen, sondern für mich. Ich gebe etwas von mir und tue es für mich, wenn ich nicht darauf verzichten will, anderen eine Freude zu machen, die ich liebe.
In der Abhängigkeit ist es eher so, dass es Dinge gibt, die man sich selbst noch nicht zugesteht, weil man glaubt, es sich nicht wert zu sein. Gesellschaftlich ist es verpönt, nur an sich selbst zu denken, weil im Allgemeinen geglaubt wird, dass Liebe begrenzt ist. Und wenn ich meine Liebe nur für mich nutzen würde, haben andere nichts davon. Die ist ein Trugschluss, da wahre Liebe grenzenlos ist. Und wenn ich mich mit Liebe auffülle, wie einen Brunnen – mir das gebe, was ich brauche, dann wird dieser Brunnen irgendwann überlaufen und all die Liebe nach außen bringen und die Welt überschwemmen. Wenn ich mich selbst liebe, sehe ich mich im anderen und bin zu universeller Liebe fähig.

Nun ist es unbedingt notwendig im Rahmen dieser Selbstliebe, sich selbst zu erkennen, sich zu beobachten, zu zuhören, was andere über einen zu sagen haben, ohne mich von dem Wort anderer abhängig zu machen. Ich nehme wahr, wie ich mit anderen und mir selbst umgehe. Je enger und tiefer die Verbindung zu Jemandem, desto genauer und detaillierter ist der Spiegel. Ein Partner ist im Grunde der beste Spiegel für sich selbst. Umso näher ich mir komme, umso mehr ich über mich – meine Stärken, meine Schwächen, meine Vorlieben, Abneigungen oder Werte – weiß, desto unabhängiger werde ich vom Außen und kann mein Ich von dem Ich der anderen abgrenzen. Ich lerne zu unterscheiden, mich zu individualisieren. Es ist ein Schmerzmoment, der als erstes im Alter von etwa acht Monaten entsteht, wenn das Kind merkt, dass die Verschmelzung mit der Mutter eine Illusion war. Wir müssen uns damit abfinden, dass es da eine Grenze, eine Distanz zwischen dem Außen und mir gibt. Wir lernen, zu hoffen und die Enttäuschung auszuhalten und dass der andere nicht dazu auf der Welt ist, um meine Bedürfnisse zu erfüllen.

Neben der Selbstliebe und der Selbsterkenntnis sind unsere inneren und äußeren Ressourcen Werkzeuge, die jeder zur Verfügung hat, um wieder auf den eigenen Weg zurückzufinden oder neue Auswege an den hinderlichen Stellen des Lebens zu bestreiten. Äußere Ressourcen sind beispielsweise unser Beruf, unsere Wohnung, unsere Familie, Freunde, aber auch Institutionen oder Einrichtungen, Krankenhäuser, Polizei usw.
Innere Ressourcen sind u.a. unsere Verführungskraft, unsere Gefühle und Emotionen, die da sind, um etwas in Bewegung zu bringen, Intelligenz, individuelle Fähigkeiten, Lernfähigkeit, Beharrlichkeit und die Fähigkeit Dinge anzunehmen. Eine weitere entscheidende Ressource ist die Fähigkeit, den Mut zu haben, sich selbst zu behaupten, zu sich zu stehen, eine eigene Meinung zu haben und diese auch nach außen zu vertreten.

Das Annehmen von Situationen, Gegebenheiten kann schwer fallen. Entweder akzeptiert man in einer positiven Form und sagt etwas, wie: “Es ist, wie es ist. Was kann ich tun, um mit dieser Realität klarzukommen.“ oder man resigniert in einer negativen Form und sagt: „So eine verfluchte Scheiße! Es ist, wie es ist. Ich muss es aushalten.“ Der Unterschied besteht darin, dass man beim Akzeptieren keinen Zwang verspürt, etwas ändern zu müssen. Wenn man resigniert, zwingt man sich, die Situation aushalten zu müssen und hofft, dass sich die Situation ändern wird oder man reißt sich zusammen, um sich später vom Ärger Luft zu machen. Diese Werkzeuge sind zwar keine Garantie für den erfolgreichen Ausgang einer Sache, allerdings kommt es auf den zielgerichteten Einsatz jedes einzelnen an, um sein persönliches Ziel zu erreichen.

Die vermutlich schwierigste Hürde zur Selbstabhängigkeit ist die Entwicklung der Autonomie. Es geht dabei darum, sein eigenes Regel – und Wertesystem zu schaffen und danach zu leben. Viele übernehmen das Wertesystem ihrer Herkunftsfamilie ungeprüft und stellen irgendwann fest, dass sie nicht frei sind. Um frei zu sein, ist es ein entscheidender Schritt autonom (aus sich selbst heraus Normen schaffen) Entscheidungen zu treffen und eigenverantwortlich mit den Konsequenzen zu leben – sie anzunehmen. Wenn das Thema „Freiheit“ näher beleuchtet wird, merkt man, wie komplex es ist. Absolute Freiheit – dass ich tun und lassen kann, was ich will, ist eine Illusion. Es kommt einem Allmachtsgefühl gleich, dieser Überzeugung zu sein. Wir sind nicht allmächtig. Entsage ich mich allen äußeren Normen und Gesetzen ist auch dies eine Art der Abhängigkeit, indem ich auf negative Art und Weise gehorche. Wir müssen akzeptieren, dass es gewisse Grenzen gibt und wir trotzdem innerhalb dieses Rahmens Wahlfreiheit haben und genau diese Wahlfreiheit bringt uns in unsere innere Freiheit und damit zur Autonomie, wenn die Gegebenheiten eine Wahl zulassen, es zwei oder mehr Optionen gibt und ich die Verantwortung für mein Tun übernehme.

„Ich bin nicht automatisch freier, weil ich mich weiterentwickle, aber ich erweitere meine Möglichkeiten und fühle mich deshalb freier.“ Bin ich in einer Beziehung mit einer besitzergreifenden Partnerin, die einem die Luft zum Atmen nimmt, fühlst du dich weniger frei, weil dir die Beziehung die Möglichkeiten nimmt. „Wir können nur aufhören, moralische Analphabeten zu sein, wenn wir unsere eigene Moral finden und nicht länger glauben, dass andere für uns entscheiden.“ Natürlich birgt es manchmal einer belastenden Situation, wenn ich Entscheidungen treffe, die uns herausfordern, so dass wir uns wünschen, diese Aufgabe delegieren zu können. Dies kommt allerdings kindlichen Verhalten gleich, was sich vor Verantwortung drücken möchte und demnach unreif ist. Es ist immer leichter, andere für meine Situation verantwortlich zu machen. Auch Selbstbeschränkung ist eine Entscheidung. Wer sich freiwillig in Enge begibt und jederzeit die Möglichkeit hat, etwas dagegen zu tun, es aber nicht macht, will er es so.
„Freiheit besteht darin, innerhalb des mir Möglichen eine Entscheidung zu treffen und die Verantwortung für diese meine Entscheidung zu übernehmen.“ Es bedeutet, meinen Weg zu gehen und ganz egoistisch den Gipfel des Berges zu erreichen. Das ist meine Herausforderung, für die ich mich entschieden habe, weil ich diesen Gipfel gewählt habe – niemand sonst.

Von | 2017-03-24T19:05:23+00:00 Juli 15th, 2016|Blog, Gastbeiträge, Psyche, Therapie|

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